Heute wäre Shakespeare ein Rockstar gewesen!

29. November 2008

spottiswoode_aeg.jpgSpottiswoode ist Director of the Globe Education im Londoner Globe Theatre und reist als Experte in Sachen Shakespeare regelmäßig um den ganzen Globus, pardon, Planeten. Am Freitag, den 14. November, machte er in unserer Aula Station und zog die dort versammelte Schülerschaft des AEG, aber auch Gäste aus Pfullingen in den Bann von Shakespeares Welt.

Zu Shakespeares Zeiten ins Theater zu gehen, das war damals nicht spießig oder elitär, vielmehr war es aufregend, gerade zu anstößig, weil im Theater soziale und sexuelle Grenzen überschritten wurden. Während sich laut Spottiswoode die Schüler heute im Theater oft langweilen oder darüber nachdenken, wie sie ihm vom Begleitlehrer unbemerkt entkommen könnten, sei ein Theaterbesuch zu Shakespeares Zeit etwas Besonderes gewesen, eine aufregende Flucht aus dem Alltag.

Von Langeweile war auch bei Spottiswoodes Vortrag im AEG keine Spur, obwohl – oder gerade weil! – er ohne Mikrophon sprach, waren über 350 Schülerinnen und Schüler voll bei der Sache und lauschten gespannt Wort für Wort. Doch durch die Lacher, die Spottiswoode geschickt über den Vortrag verteilte, herrschte eine zunehmend ebenso heitere wie konzentrierte Stimmung.

So erklärte er zum Beispiel, dass die Bibel nur aus 7000 verschiedenen Wörtern, das Gesamtwerk Shakespeares dagegen aus 17 000 Wörtern besteht, dass Shakespeare also so gesehen mehr Wörter kannte als Gott! Höhepunkt des Nachmittags war ein von Spottiswoode dirigiertes Stegreifspiel, anhand dessen er demonstrierte, wie verwirrend der Geschlechter- und Rollenwechsel in Shakespeares Stücken sein konnte. (Tim, who has shaved, hatte die Rolle seines Lebens!)

"Shakespeare hat seine Stücke für die Bühne geschrieben", so betont Spottiswoode unermüdlich deren Lebendigkeit, "und nicht dafür, dass sie in einem Rechteck gelesen werden". Rechteck, damit meint Spottiswoode das Klassenzimmer, indem man jeden Text durch Zerreden und Zerpflücken tot bekäme.

Vielleicht liegt es an der Raumform unserer Aula, dass während des Vortrags unter den Schülern eine Konzentration herrschte, die sonst aus dem Unterricht gänzlich unbekannt ist. Spottiswoode hob mehrmals hervor, wie wichtig die Raumarchitektur für das Gelingen eines Theaterstückes sei: Eine sich um die Bühne im Halbrund drängende, stehende Zuschauermasse wie in Shakespeares Globe sei aufmerksamer und lebendiger als in warmen, frontal angeordneten Zuschauerreihen domestizierte Abogänger, die, sobald die Saalbeleuchtung ausgeht, dem Theaterschlaf verfallen. Bei seiner eigenen Performance kam Spottiswoode deshalb die Sitzanordnung im Atrium unserer Aula sehr entgegen, denn die Oberstufenschüler lauschten ihm nicht nur im Halbrund um die Bühne herum, sondern auch von den Gallerien herab – fast wie in Shakespeares Globe in London!

Aufbauend auf seine Ausführungen zu Shakespeares sich explosionsartig entwickelnder Sprache nahm Spottiswoode aktuellen Bezug, indem er George Bush auf sprachlicher Ebene mit Barack Obama verglich: "George Bush", das macht zwei Silben; "Barack Obama" ganze fünf Silben, da sei es doch logisch, wer da der Einfältigere ist. Damit ist es ihm gelungen, auch noch den letzten verschlafenen Schüler zum Lachen zu bringen.

Wir schauen in eine (sprach-)politisch hoffnungsvolle Zukunft und der Funke der Begeisterung für Shakespeare ist übergesprungen. Bleibt uns nur noch, selbst ins Theater zu gehen und den anstößigen Rockstar selbst zu besuchen – oder ihn gar selbst zu spielen!

Von: Stefanie Großguth und Ruben Neugebauer (Kl. 13)



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Kategorie: Tagebuch